Kabinettstücke
Yvette Kiessling überrascht mit ihren kleinen Landschaftsbildern durch eine eigenwillige Handschrift und die Bevorzugung kleiner Formate (die meisten der Arbeiten messen 16x20 cm). Ihre Motive sind so alt wie die Erde: Fluss, Meer, Gebirge, Gletscher, Wald, Wolken. Diese Urformen der Natur wurden in der Geschichte der Landschaftsmalerei mit Pathos aufgeladen. Hiervon ist in den Bildern nur noch ein ferner Nachhall zu spüren. Die Uferböschungen, Baumreihen oder Flussläufe bieten keine heroischen oder romantischen Anblicke. Vereinzelt taucht ein Fabrikschornstein oder eine Lagerhalle auf. Ein Wasserfall wird zum blauen Farbstreifen, der wie ein abstraktes Zeichen vertikal in der Mitte des Bildes steht. Auf einem anderen Bild fließt der Fluss nicht blau, sondern leuchtend weiß. Diese Umformungen und Verfremdungen gehen fast unauffällig vonstatten.

Was die Malerin interessiert, ist das Bild an sich. Dafür sammelt sie Landschaften, in denen sie oft zeichnend unterwegs ist, als Material. Ihre Zeichnungen sind noch detailliert, topografisch präzise und kleinteilig. In den Gemälden zeigt sich dann statt penibler Aufzählung von Einzelheiten eine summarische Behandlung von Formen und Flächen. Kein Grashalm, keine Wiese, sondern Flecken in Grün-, Braun-, Blau- oder Weißtönen bestimmen die erdige Wirkung. Die ruhende Zuständlichkeit einer Gegend (oft in horizontbetonten Querformaten) wird in tachistischer Auflösung kombiniert. Schweres und Leichtes vermischen sich in Wolkenformationen. Das Bild der Landschaft gerät von innen in Bewegung. Durch eine skizzenhafte Malweise, oft mit dünnflüssig aufgetragenen Farben, und eine willkürliche Lichtgestaltung versucht die Künstlerin die Lebendigkeit, die sie in Landschaften wahrnimmt, in das Bild zu übertragen. Die schwingenden Bewegungen des Pinsels bleiben als Spuren erkennbar. Da die Gemälde im Atelier entstehen, gewinnt die spontane Niederschrift den Vorrang. Nicht mehr die Landschaft ist nun das Thema, sondern etwa das Aufsteigen oder Herabsinken von Linien, der Rhythmus ihrer Bewegungen, das Nebeneinander von Farben, das Licht oder das Wechselspiel von Flächigkeit und Tiefe. Die Freiheit einer Abstraktion, die auf das gegenständlich Gegebene zurückgreift und sich gleichzeitig davon löst, verleiht den Bildern Spannung und Reiz.

Innerhalb der jüngeren Leipziger Malerei spielt die Landschaft eine untergeordnete Rolle, weil die gegenwärtige Szenerie von narrativer oder abstrakter Malerei dominiert wird. Umso bemerkenswerter erscheint eine künstlerische Position, die unverkrampft und subjektiv mit dem Ballast einer traditionellen Gattung und der Begegnung mit der Natur umgeht.

Dr. Jan Nicolaisen, Museum der Bildenden Künste, Leipzig

 

 

 

 

Wildes Ufer
Es fängt mit einer Unschärfe an. Die Farbflecken und -spritzer dokumentieren ein Vorantasten auf der Leinwand und bereiten ein Paradox vor, das im Resultat auf Yvettes Bildern zu erleben ist. Dieses Paradox gibt jedem Bild seine besondere Qualität und lässt sich am ehesten aus ihrer Arbeitsweise ableiten. Die gespannte Aufmerksamkeit beim Schütten der Farbe und das Erlebnis des Zeichnens in der Landschaft oder vor dem Modell nähren hierbei maßgeblich den Malprozess. Auf der einen Seite betont Yvette die Farbe als Material, indem sie auf jegliche Nachahmung verzichtet und die visuelle Intensität der Farbe unterstreicht. Auf der anderen Seite benutzt sie Farbe aber auch, um die Gegenstände im Bild zu färben und dadurch gegenständliche Inseln zu schaffen. Hier tauchen Menschen, Tiere und Vegetation vor einem diffusen Untergrund auf. Die Synthese findet immer im Atelier statt. Gegenständliches (Ähnliches) trifft auf Ungegenständliches (Unähnliches). Es stellt sich dadurch eine bemerkenswerte Erfahrung vorm Bild ein. Anstatt sich zu entfernen, so wie sich eine klassische Landschaft hinter dem „Fenster“ ihres Rahmens meist verliert, nähert sich das Auge des Betrachters und wird berührt und verwirrt. Das Material der Farbe wird in den Vordergrund gerückt und lässt, zunächst unabhängig von dem, was es abbildet, von einem unsichtbaren Bild träumen. Yvettes Bilder zielen anstatt auf Repräsentation immer auf Präsenz. Der Betrachter übernimmt das Ruder, eröffnet das Spiel der Assoziationen und findet sich selbst wieder mittendrin im wilden Ufer.

Matthias Weischer, 2012