Katalogcover
Herausgeber: Galerie Leuenroth, Frankfurt am Main, Stadt Otterndorf
Texte: Ralf Busch, Dirk Dobke, Karoline Mueller-Stahl (Gespräch)
Gestaltung: Maria Magdalena Meyer, Katharina Fiedler, Jaroslaw Kubiak
Sprachen: deutsch, englisch
88 Seiten, 57 Farb- und 7 SW-Abb.
Hardcover, 23 x 31 cm
ISBN 978-3-944903-34-7
2019

Verdichtungen

Yvette Kießlings Sujet ist die Landschaft, die sie am liebsten direkt vor Ort malt und zeichnet. Um sich einer Landschaft malerisch annähern zu können, muss die Künstlerin zunächst ein Teil dessen werden, was sie schließlich zu einem Gemälde verdichten wird. Ihr Blick wird dabei von allen Sinnen genährt, und topographische Besonderheiten werden unmittelbar physisch erfahrbar, wenn sie ihr Mal- und Zeichenmaterial in unwegsame Regionen trägt oder sogar 30 kg schwere Lithosteine auf wackeligen Booten bearbeitet. War es zunächst die Auseinandersetzung mit der heimischen Landschaft um Leipzig oder dem Riesengebirge und dem Verlauf der Elbe, so malte sie in den letzten Jahren auch wiederholt in Nordafrika und in Vietnam. Ein befreundetes Sammlerpaar lädt Yvette Kießling 2016 nach Sansibar ein. Fasziniert vom Licht und den Farben und Formen der Natur sowie vom Reichtum der Ornamente in dem ostafrikanischen Inselstaat, rüstet sie sich zwei Jahre später mit einer Feldstaffelei, Leinwänden, Papier und Zinkplatten aus, um auch in Sansibar vor Ort arbeiten zu können. Der riesige „Urwald“ Jozani Forest im Zentrum der Insel zieht sie besonders in ihren Bann. Er erweist sich als verwilderter Mahagoni-Kulturwald, den einst die englischen Kolonialherren an gepflanzt hatten. Sich selbst und dem tropischen Klima überlassen, erscheint er heute exotisch wild, mit üppiger Fauna und Flora und eigener Affenart. Die Künstlerin malt und zeichnet vor Ort, und sie ritzt, sticht und schraffiert in die mitgebrachten Zinkplatten.Sieben dieser Motive lässt sie später in Leipzig als Radierungen drucken, die dieser Mappe beiliegen. Fünf ihrer Zeichnungen aus dem Jozani Forest überträgt sie bei dem Leipziger Steindrucker Thomas Franke auf Lithosteine; ineinander verwobene Mangroven und blühende indische Mandelbäume, darunter auch ein Bildnis ihres täglich gemalten männlichen Modells, der dem Betrachter stolz frontal gegenüber tritt. Im Hauptberuf Barkeeper ihres Hotels, wird der Mann im Bild zu einer würdevoll archaischen Figur. Um das Überbordende,Undurchdringliche und visuell kaum Erfassbare des verwilderten Waldes zu zeigen, revolutioniert sie ihre Drucktechnik. Sie lässt nicht nur ein Motiv von einem Lithostein drucken, sondern zumeist mehrere der fünf Motive in immer anderen Farb- und Formvarianten übereinandersetzen. Beim Trocknen jeder Schicht entscheidet sie über die nächste Auswahl an zu druckenden Steinen und die jeweiligen Farben. In bis zu acht Druckgängen verdichtet sich dabei der Blick in den Wald bis ins Undurchdringliche. So entstehen 100 Unikat-Drucke in immer neuen, ungesehenen Kompositionen. Fünf Variationen davon stellt sie für jede Mappe zusammen.Ergänzt werden die Radierungen und Lithographien von einer abstrakten Toncollage auf CD, für die sie Fledermauspfeifen, Vogelgezwitscher, sich aneinander reibende Bäume, Stimmen und allerlei andere Geräusche der Insel zusammenmontiert hat. Mit dieser außergewöhnlichen Kombination gelingt Yvette Kießling eine ganz besondere künstlerische Verdichtung ihrer Sinneseindrücke Sansibars.

Dirk Dobke

Prof. Dr. Christian Pentzold ist Professor für Medien- und Kommunikations­wissen­schaft an der Universität Leipzig und Ko-Direktor des Center for Digital Participation.

Unbändiges Sehen – Weite ausloten – Offenem habhaft werden

Ein Zugang zum Schaffen von Yvette Kießling kann sein, übers Unbändige nachzudenken. Ihre Werke sind fortdauernde Auseinandersetzung mit unbändiger Umwelt, auch der menschgemachten – nicht, um Natur zu bändigen, zu zähmen, aufzuräumen. Ihre Arbeiten im Freien sind keine bildhafte Inbesitznahme, es geht in ihnen nicht um nachträgliche Ordnung. Vielmehr eröffnen sie Wege ins Dickicht.

Yvette Kießlings Arbeit folgt dem Wechsel von drinnen und draußen, hinaus ins Freie und hinein ins Atelier. In dieser Austauschbewegung kehrt sie immer wieder zurück zu einem konkreten Stück Welt – wenn die Rückkehr verwehrt ist, bleibt die Sehnsucht danach. Abseits des Idyllisch-Malerischen ist das Pleinair für Yvette Kießling die notwendige, letztlich natürliche Arbeitsweise. Im Aufsuchen von Plätzen hat sich eine persönliche Landkarte an Schaffensorten ergeben.

Nicht Programm oder Credo leiten diese Dynamik, sie lebt eher von der Spannung zwischen ortskonkretem Eindruck und schaffendem Ausbauen, Umarbeiten, Weiterarbeiten. Dies übersetzt sich in die Wahl der darstellerischen Techniken und Mittel – Radierung und Zeichnung, Öl auf Leinwand auf Holz, mehrfarbige Tuschelithografie, Übermalung in Öl auf Aludibond. Der flexible, sich aus dem Arbeitsprozess ergebende Medienwechsel wird zum Modus künstlerischer Anverwandlung.

Die Malerei und grafische Arbeit von Yvette Kießling ist ein offenes Unterfangen; dies erklärt auch das Zurückkehren an schon bildbekannte Orte, ihr wiederkehrendes Beschauen. Sie finden keinen Abschluss, schon weil Landschaft, Himmel, Pflanze und Meer und Fluss und Berg selber in Veränderung sind und von Yvette Kießling im fortlaufenden Arbeiten immerzu neu und anders erlebt und gesehen werden müssen. In ihren Werken stehen uns keine Landschaftsporträts gegenüber, sondern die Beschäftigung mit den Eigenarten eines Platzes in der Welt: tropischer Wuchs auf Sansibar oder Thailand; die Elbequelle arm an Bewuchs; weites Land und großer Himmel der Nordsee. Vor Ort sind Perspektive und Ausschnitte weder bewusst zufällig noch komplexe Kalkulation – sie ergeben sich, werden stimmig mit jedem Bild. Die Werke von Yvette Kießling sind oft farbengeflutet, sie lösen sich von lokalen Lichtstimmungen und vorgefundenen Farbgebungen. Ihre Opulenz zeugt von überbordendem Wachstum, von Heftigkeit und Überfluss.

Die Traditionen dieses Schaffens sind lang, wenngleich derlei Referenzen nicht Kießlings Thema sind. Es gibt vielleicht Echos von Jacob van Ruisdael, von Caspar David Friedrich, von William Turner und Henri Rousseau. Inspiration jedoch ist letztlich unverfügbar, sie kommt weder nur von außen noch entspringt sie nur im Inneren. Sie kommt, so ließe sich sagen, dann zum Ausdruck, wenn Yvette Kießling angesichts von Situationen ins Malen kommt. Sie ist Zusammenspiel von Vorgefundenem, Eigensinn und der ihr zuhandenen künstlerischen Mittel: Intuition und Inspiration als Wechselspiel.

Wenn sie in Reihe arbeitet, verfolgt sie nicht die Vervielfältigung von Motiven. Doch jedes Einzelstück eröffnet Bildmuster, die wiederum neue Permutationen anstoßen. Es ist bildnerisches Weiterdenken und Weitersehen, methodisch und reflektiert. Werk für Werk, oft in Reihe, geht es ums unabgeschlossene Habhaftwerden von Formmerkmalen und Farbstrukturen. Szenerien variieren in Blickpunkten, ohne dass die Bilder mit ihnen fertig sind. Sie sind immer neue Ansätze, ohne nebeneinander zum Spiegel eines Ortes zu werden. Jedes Unikat geht ins nächste – das Unbändige wächst ins Werk.

Christian Pentzold

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Verwehrte Wege: Der Tropenzyklus Sansibar

Yvette Kießling ist Malerin. Und doch hat sie sich in den letzten zehn Jahren auch intensiv mit den gestalterischen Möglichkeiten der grafischen Künste beschäftigt. Aus diesem parallelen Arbeiten und dem Eintauchen von einem ins andere Medium haben sich bemerkenswerte Wechselwirkungen ergeben, die in den letzten Jahren insbesondere anhand ihrer Bildfolgen von Flussläufen und zuletzt des Sansibar-Zyklus 2017 – 2018 sichtbar geworden sind. Charakteristisch ist für Kießlings Schaffen, dass sie mit ihrer Kunst in einer Bildtradition steht, die sich zwischen 1850 und 1900 entwickelt hat. Um 1900 wurden in den grafischen Künsten die Schnitt-, Kratzund Ätztechniken von den Künstlern mit großem Erfolg wiederentdeckt, unter anderem im Expressionismus. Sie leiteten eine vertiefte künstlerische Beziehung mit der Natur ein, die zuvor die Impressionisten mit ihrer Pleinairmalerei entdeckt hatten. Wassily Kandinsky hob besonders die Farblithografie mit ihrem spontanen Duktus und Farbenreichtum gegenüber dem Linol- oder Holzschnitt als eine Technik hervor, die der pastosen Malerei und zugleich der direkten Zeichnung am nächsten stehe. Gleichzeitig ist die Künstlerin in der Gegenwart verwurzelt, wenn sie etwa die nachmoderne Konstruiertheit ihrer Bildideen herausstellt. Ein gutes Beispiel ist ihr aktueller Sansibar-Zyklus, in dem sie eine neue Bildsprache findet, um unmittelbares Naturerlebnis mit kalkulierten Bildverfahren zu verbinden. Yvette Kießling drängt es immer wieder dazu, vor und in der Natur zu malen. Dazu begibt sie sich mitten in ihre Sujets. Während sie ein bestimmtes Thema oder Motiv verfolgt, bleibt sie in ihren künstlerischen Ausführungen keinem System oder Plan unterworfen. Die Umgebung gibt den Rhythmus vor. Als Betrachter hat man den Eindruck, dass sie während des Malprozesses die Dynamik wechselt: Pinselstriche gehen mal wie grobe Peitschenhiebe durchs Bild, die auf halbem Weg stehen bleiben. Dann sind es genau gesetzte, federartige und strahlenförmige Linienbündel, die Blatt, Pflanze oder Baum definieren. Ihr offenes System malerischer Strukturen geht dem nach, was vor ihr ist: etwas, das sich zunächst als ungeordnete Gemengelage von dunkler, schwerer Erde und grüner, sich im Wind und Licht wiegender schillernder Pflanzen und Bäume unter kaum sichtbarem Himmel zeigt. Gleich einer Entdeckerin sucht die Malerin bildlich eine Bahn durch quer liegende Pflanzen, aufragende Äste und Wurzeln zu ziehen und baut eine Spannung zwischen dem Dickicht der tropischen Natur und den hellen Schneisen auf, die lange Lichtstrahlen ins Halbdunkel schneiden. Den Ausgangspunkt dieser gemalten Werke bilden grafische Arbeiten. Der Jozani Forest, ein auf der Insel Sansibar verbliebener natürlicher Regenwald aus Mangrovenbäumen, Palmen und Farnen, inspirierte Yvette Kießling zu einem grafischen Projekt, das im Zuge ihrer beiden Aufenthalte auf Sansibar entstand. Auf Radierungen folgen erste Farblithografien. 2018 entwickelte sie den Grafikzyklus Sansibar mit 100 Unikatdrucken, der gewissermaßen, so erklärt sie, als Motivpool gestalterischer Möglichkeiten für die Malerei dient. Die zunächst durch den Tuschepinsel spontane, dann im Steindruck langsame Entstehung eines Blatts in Etappen gewinnt erst im Druckverfahren ihre ungewöhnliche Dynamik. Durch das Übereinanderdrucken von bis zu fünf Schichten in verschiedenen Farben erreicht die Künstlerin einen Grad der motivischen Verschränkung, der ihrem Sujet „Regenwald“ auf schon fast ironische Weise gerecht wird. Denn die ostafrikanische Tropenwelt, die gar als Wiege der Menschheit gilt, ist in ihrem Kern brüchig geworden. Der Urwald mit dem sogenannten edlen Wilden existierte schon zu Gauguins Zeiten nicht mehr. Auch Sansibar kann nicht mehr als unangetastetes Paradies erlebt oder als Thoreaus „Walden“ interpretiert werden. Die Tropen sind einer geschützten, kulturhistorisch konstruierten Parklandschaft gewichen, die die Schlacken ihrer vielschichtigen Vergangenheit – Mythen, durchreisende Völker, Kolonialmächte, Zuwanderung und nicht zuletzt radikale Umwelteingriffe – mitführt. Indem Yvette Kießling in der Lithografie zahlreiche Kombinationen der Motive durchspielt und sich dabei immer wieder selbst an die Grenze des bildnerisch Möglichen bringt, greift sie dieses historisch multiple, ambivalente Konstrukt der tropischen Natur auf. In ihrer Malerei stellt sie dieses explizit antiklassische Naturbild, das sich dem Betrachter nicht bereitwillig öffnen möchte, sondern sich seiner Wahrnehmung eher verschließt, sogar noch mehr heraus. Häufig erscheint der dargestellte Weg mit seinem feuchten Morast unpassierbar, den Betrachtern stellen sich Pflanzen in den Weg, ist der Durchblick zum Himmel verwehrt, sodass Braun, Grün und Rot eine gitterartige Wand bilden, die in manchen Werken keine optische Orientierung nach Oben oder Unten mehr kennt. Das generelle Thema in ihren Sansibar-Arbeiten, so zeigt sich, ist ein Naturbild, das sich gegen den befreienden Durchblick stemmt: Vor dem Blick türmt sich ein unüberschaubares Gelände, Dickicht, Gestrüpp auf, das sich zu einer zwar dichten, jedoch koloristisch sehr differenzierten Mauer aus über einem Dutzend Grüntönen aufbaut. Die Undurchdringlichkeit des Urwaldes und die Unerschöpflichkeit seiner Grüntöne faszinierten bereits Maler wie Maurice de Vlaminck, Henri Rousseau oder aktuell Peter Doig und Anthony Gross, der für die Londoner Underground 2015 einen wuchernden digitalen Urwald schuf. In den ausgreifenden Armen der ungebremst wachsenden, farbintensiven Tropenpflanzen ist sowohl die Zuversicht als vielleicht auch die leise Drohung enthalten, dass diese die menschliche Zivilisation, den Großstadtdschungel, letztendlich überdauern werden.

Dr. Viola Weigel, Leiterin der Kunsthalle Wilhelmshaven

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Portfolio No 7. Yvette Kiessling. 
herausgegeben von Dirk Dobke
Griffelkunst-Vereinigung Hamburg, 2013
48 Seiten, farb. Abbildungen
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Es fängt mit einer Unschärfe an. Die Farbflecken und -spritzer dokumentieren ein Vorantasten auf der Leinwand und bereiten ein Paradox vor, das im Resultat auf Yvettes Bildern zu erleben ist. Dieses Paradox gibt jedem Bild seine besondere Qualität und lässt sich am ehesten aus ihrer Arbeitsweise ableiten. Die gespannte Aufmerksamkeit beim Schütten der Farbe und das Erlebnis des Zeichnens in der Landschaft oder vor dem Modell nähren hierbei maßgeblich den Malprozess. Auf der einen Seite betont Yvette die Farbe als Material, indem sie auf jegliche Nachahmung verzichtet und die visuelle Intensität der Farbe unterstreicht. Auf der anderen Seite benutzt sie Farbe aber auch, um die Gegenstände im Bild zu färben und dadurch gegenständliche Inseln zu schaffen. Hier tauchen Menschen, Tiere und Vegetation vor einem diffusen Untergrund auf. Die Synthese findet immer im Atelier statt. Gegenständliches (Ähnliches) trifft auf Ungegenständliches (Unähnliches). Es stellt sich dadurch eine bemerkenswerte Erfahrung vorm Bild ein. Anstatt sich zu entfernen, so wie sich eine klassische Landschaft hinter dem „Fenster“ ihres Rahmens meist verliert, nähert sich das Auge des Betrachters und wird berührt und verwirrt. Das Material der Farbe wird in den Vordergrund gerückt und lässt, zunächst unabhängig von dem, was es abbildet, von einem unsichtbaren Bild träumen. Yvettes Bilder zielen anstatt auf Repräsentation immer auf Präsenz. Der Betrachter übernimmt das Ruder, eröffnet das Spiel der Assoziationen und findet sich selbst wieder mittendrin im wilden Ufer.

Matthias Weischer, 2012

Kabinettstücke

Yvette Kiessling überrascht mit ihren kleinen Landschaftsbildern durch eine eigenwillige Handschrift und die Bevorzugung kleiner Formate (die meisten der Arbeiten messen 16×20 cm). Ihre Motive sind so alt wie die Erde: Fluss, Meer, Gebirge, Gletscher, Wald, Wolken. Diese Urformen der Natur wurden in der Geschichte der Landschaftsmalerei mit Pathos aufgeladen. Hiervon ist in den Bildern nur noch ein ferner Nachhall zu spüren. Die Uferböschungen, Baumreihen oder Flussläufe bieten keine heroischen oder romantischen Anblicke. Vereinzelt taucht ein Fabrikschornstein oder eine Lagerhalle auf. Ein Wasserfall wird zum blauen Farbstreifen, der wie ein abstraktes Zeichen vertikal in der Mitte des Bildes steht. Auf einem anderen Bild fließt der Fluss nicht blau, sondern leuchtend weiß. Diese Umformungen und Verfremdungen gehen fast unauffällig vonstatten.

Was die Malerin interessiert, ist das Bild an sich. Dafür sammelt sie Landschaften, in denen sie oft zeichnend unterwegs ist, als Material. Ihre Zeichnungen sind noch detailliert, topografisch präzise und kleinteilig. In den Gemälden zeigt sich dann statt penibler Aufzählung von Einzelheiten eine summarische Behandlung von Formen und Flächen. Kein Grashalm, keine Wiese, sondern Flecken in Grün-, Braun-, Blau- oder Weißtönen bestimmen die erdige Wirkung. Die ruhende Zuständlichkeit einer Gegend (oft in horizontbetonten Querformaten) wird in tachistischer Auflösung kombiniert. Schweres und Leichtes vermischen sich in Wolkenformationen. Das Bild der Landschaft gerät von innen in Bewegung. Durch eine skizzenhafte Malweise, oft mit dünnflüssig aufgetragenen Farben, und eine willkürliche Lichtgestaltung versucht die Künstlerin die Lebendigkeit, die sie in Landschaften wahrnimmt, in das Bild zu übertragen. Die schwingenden Bewegungen des Pinsels bleiben als Spuren erkennbar. Da die Gemälde im Atelier entstehen, gewinnt die spontane Niederschrift den Vorrang. Nicht mehr die Landschaft ist nun das Thema, sondern etwa das Aufsteigen oder Herabsinken von Linien, der Rhythmus ihrer Bewegungen, das Nebeneinander von Farben, das Licht oder das Wechselspiel von Flächigkeit und Tiefe. Die Freiheit einer Abstraktion, die auf das gegenständlich Gegebene zurückgreift und sich gleichzeitig davon löst, verleiht den Bildern Spannung und Reiz.

Yvette Kiessling überrascht mit ihren kleinen Landschaftsbildern durch eine eigenwillige Handschrift und die Bevorzugung kleiner Formate (die meisten der Arbeiten messen 16×20 cm). Ihre Motive sind so alt wie die Erde: Fluss, Meer, Gebirge, Gletscher, Wald, Wolken. Diese Urformen der Natur wurden in der Geschichte der Landschaftsmalerei mit Pathos aufgeladen. Hiervon ist in den Bildern nur noch ein ferner Nachhall zu spüren. Die Uferböschungen, Baumreihen oder Flussläufe bieten keine heroischen oder romantischen Anblicke. Vereinzelt taucht ein Fabrikschornstein oder eine Lagerhalle auf. Ein Wasserfall wird zum blauen Farbstreifen, der wie ein abstraktes Zeichen vertikal in der Mitte des Bildes steht. Auf einem anderen Bild fließt der Fluss nicht blau, sondern leuchtend weiß. Diese Umformungen und Verfremdungen gehen fast unauffällig vonstatten.

Was die Malerin interessiert, ist das Bild an sich. Dafür sammelt sie Landschaften, in denen sie oft zeichnend unterwegs ist, als Material. Ihre Zeichnungen sind noch detailliert, topografisch präzise und kleinteilig. In den Gemälden zeigt sich dann statt penibler Aufzählung von Einzelheiten eine summarische Behandlung von Formen und Flächen. Kein Grashalm, keine Wiese, sondern Flecken in Grün-, Braun-, Blau- oder Weißtönen bestimmen die erdige Wirkung. Die ruhende Zuständlichkeit einer Gegend (oft in horizontbetonten Querformaten) wird in tachistischer Auflösung kombiniert. Schweres und Leichtes vermischen sich in Wolkenformationen. Das Bild der Landschaft gerät von innen in Bewegung. Durch eine skizzenhafte Malweise, oft mit dünnflüssig aufgetragenen Farben, und eine willkürliche Lichtgestaltung versucht die Künstlerin die Lebendigkeit, die sie in Landschaften wahrnimmt, in das Bild zu übertragen. Die schwingenden Bewegungen des Pinsels bleiben als Spuren erkennbar. Da die Gemälde im Atelier entstehen, gewinnt die spontane Niederschrift den Vorrang. Nicht mehr die Landschaft ist nun das Thema, sondern etwa das Aufsteigen oder Herabsinken von Linien, der Rhythmus ihrer Bewegungen, das Nebeneinander von Farben, das Licht oder das Wechselspiel von Flächigkeit und Tiefe. Die Freiheit einer Abstraktion, die auf das gegenständlich Gegebene zurückgreift und sich gleichzeitig davon löst, verleiht den Bildern Spannung und Reiz.

Dr. Jan Nicolaisen, Museum der Bildenden Künste, Leipzig